Robert LepageBotschaft zum Welttheatertag 2008 Es gibt viele Hypothesen über den Ursprung des Theaters - die für mich denkwürdigste hat die Form einer Fabel: Vor undenklicher Zeit saßen eines Nachts in einer Höhle ein paar Menschen um ein wärmendes Feuer und erzählten sich Geschichten. Plötzlich kam einer von ihnen auf die Idee, aufzustehen und seine Erzählung mit Hilfe seines Schattens zu illustrieren. Er benutzte das Licht des Feuers, um die Personen seiner Geschichte überlebensgroß auf den Wänden in Erscheinung treten zu lassen. Die Übrigen erkannten erstaunt das Starke oder das Schwache wieder, den Unterdrücker oder den Unterdrückten, Gott oder die Sterblichen. Heutzutage hat das Scheinwerferlicht das Lagerfeuer ersetzt und das Bühnenbild die Höhlenwände. Zum Missfallen der Puristen erinnert uns die Fabel daran, dass die Technologie am Anfang des Theaters steht und nicht als Bedrohung aufgefasst werden sollte, sondern als verbindendes Element. Entscheidend für das Überleben des Theaters ist seine Fähigkeit, sich wieder und wieder zu erfinden und dabei neue Mittel, neue Sprachen zu integrieren. Wie soll Theater Zeugnis ablegen von den Herausforderungen seiner Epoche, wie kann es die Verständigung zwischen den Völkern fördern, wenn es nicht selbst Offenheit beweist? Wie kann sich das Theater rühmen Lösungen anzubieten für Probleme wie Intoleranz, Ausgrenzung, Rassismus, wenn es in seiner ureigensten Praxis jede Mischform und Integration verweigert? Um die Welt in ihrer gesamten Komplexität darzustellen müssen die Künstler neue Formen und Ideen vorschlagen, müssen sie Vertrauen in die Intelligenz der Zuschauer haben und in deren Fähigkeit, die Silhouette des Menschen im ständigen Wechselspiel von Licht und Schatten zu erkennen. Es ist wahr, wir gehen Risiken ein, wenn wir mit dem Feuer spielen, aber wir lassen es darauf ankommen: Wir können verbrennen, aber auch erstaunen und erhellen. Robert Lepage (Übersetzung: ITI Deutschland) |