Dankesrede

von Nicoleta Esinencu

Preisträgerin des ITI-Preis 2026

Ich stehe heute hier für meine Mutter.
Einige von euch wissen vielleicht, dass mein Vater Schriftsteller war. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht. Meine Mutter träumte davon, eines zu schreiben. Nur eines. Aber sie hatte nie Zeit dafür.
Diese Zeit wurde meinem Vater gewidmet.
Ich bin hier, um Rache zu nehmen.
Ihr Name war Antosia.
Ihr Name ist Antosia.

Zunächst möchte ich meine Undankbarkeit zum Ausdruck bringen – um die Erwartungen aller zu erfüllen.
Ich wurde in der Sowjetunion geboren.
Ich habe den Zusammenbruch und die darauf folgende Wirtschaftskrise miterlebt.
Meine Eltern haben, wie viele ihrer Freunde, über Nacht alles verloren.
Sie waren damals in meinem Alter.
Meine Mutter musste sich ständig etwas Neues einfallen lassen, nur um uns zu ernähren.
Ich lebte in einem neuen Land.
Ein Land im Umbruch.
Damals das ärmste Land Europas.
Damals ein Entwicklungsland.
Wir wissen sehr gut, was es bedeutet, kein Geld zu haben.
Deshalb haben wir ohne Geld gearbeitet.

Heute bezeichnet sich Moldawien selbst als kleines Land mit großem Herzen.
Unsere Regierungen und Politiker sagen immer wieder:
Warum bittet ihr ständig um Geld? Wir sind doch keine Bank.

Lass mich dir etwas sagen, Moldawien:

Du hast kein Geld. Aber du brauchst kein Geld, um
Ileana zu würdigen, die die Geschichte der Roma-Gemeinschaften aus Moldawien nach
Deutschland gebracht hat. Du brauchst kein Geld, um mitzuerleben, wie Doina, Lilia, Cătălina, Elena und viele andere das Patriarchat zerschlagen, indem sie ihre eigenen Geschichten erzählen.
Stattdessen hast du eine Hochschule eröffnet, die nach Erdoğan benannt ist. Dem Mann, der Journalist*innen ins Gefängnis steckt. Der Lehrer*innen ins Gefängnis steckt. Der Künstler*innen ins Gefängnis steckt.
Ein großes Herz, um Unterdrückung zu feiern.

Du hast kein Geld. Aber du braucht kein Geld, um
Der moldauischen Queer-Community beizustehen. Um ihrem Pride beizustehen. Mit ihren Geschichten, die in Kiew, Dresden, München, Freiburg und Berlin erzählt und aufgeführt wurden. Hunderte von Menschen aus diesen Städten aßen gemeinsam den Borschtsch, den die Community während der Performance „Liebes Moldawien, dürfen wir uns ein kleines bisschen küssen?“ gekocht hatte.
Stattdessen hast du queere unabhängige Künstler*innen aus einem unserer letzten sicheren Räume vertrieben.
Stattdessen hast du über Nacht den einzigen Raum abgerissen, der der unabhängigen Kulturszene in Moldawien noch geblieben war.

Du hast kein Geld. Aber du braucht kein Geld, um
die unausgesprochene Geschichte anzuerkennen und wiederzubeleben: die Geschichte des Holocausts und der Pogrome in unserer Region. In unserer Performance „Clear History“ haben wir mehr dokumentarische Arbeit geleistet als die Schulgeschichtsbücher.
Stattdessen hast du dich dafür entschieden, eine Schriftstellerin willkommen zu heißen, die auf Gaza blickte und einen Parkplatz sah. Sauber. Leer. Von seinen Menschen befreit.
Du hast sie als umstrittene Schriftstellerin bezeichnet.
Ein großes Herz, um die Kultur des Völkermords zu feiern.

Du hast kein Geld. Aber ihr braucht kein Geld, um
hunderte von Geschichten von Wanderarbeiter*innen aus Moldawien zu würdigen. Geschichten, die wir von Osteuropa nach Westeuropa gebracht haben. Von den „Badanti“ in Italien bis zu den Baustellen in Frankreich, vom Scheiße-wegräumen auf Kreuzfahrtschiffen bis zum Spargelstechen für den deutschen Esstisch.
Von unterbezahlten Jobs. Von Depressionen. Von Tabletten, um überhaupt durchzuhalten. Von Leichen, die nach Moldawien zurückgeführt wurden.
Das sind unsere Leute. Wir haben ihr Leben und ihren Tod miterlebt, dokumentiert, bewahrt und gewürdigt. Ihr habt das nicht getan.
Stattdessen warst du zu sehr damit beschäftigt, einen Porsche ins Museum für
Völkerkunde und Naturgeschichte zu quetschen.
Nein, es war keine Ausstellung über Porsches Nazi-Vergangenheit.
Dein großes Herz, um die Kultur des Handels zu feiern.
Ein großes Herz oder große Umsätze?

Liebe kleine Bank mit dem großen Herzen,
ich stehe heute hier und verdanke meinen Platz den Gemeinschaften,
die mir zur Seite gestanden haben, die ihre Geschichten, ihre Sorgen und ihre
Freuden geteilt haben.
Du warst nicht da, und du fühlst dich auch nicht verpflichtet.
Du bist keine Bank, aber du verhältst dich wie eine Bank. Gentrifizierung. Verdrängung.
Monetarisierung. Ausbeutung. Miete erheben. Zwangsräumung. Abriss.

Diese Auszeichnung gehört
allen undankbaren Ausländer*innen.
Und meinen Schwestern im Ungehorsam von teatru-spalatorie:
KIRA, ARTIOM, NORA, DORIANA
Danke für all die schmutzige Wäsche, die wir gemeinsam gewaschen haben.

(26. Juni 2026)