24 JUN 2026
Gespräch Dr. Juliane Zellner Malin Nagel
Foto Natalie Bleyl
10 min

Den Umständen zum Trotz: Vom Weitermachen und Streben nach Verbindungen

Ein Gespräch über Wege und Ziele der ITI Academy

Den Umständen zum Trotz: Vom Weitermachen und Streben nach Verbindungen

Seit 2021 ist die ITI Academy eine Plattform für internationale Begegnung und künstlerisches Forschen. Indem sie Austausch- und Qualifizierungsprogramme für aufstrebende Künstler*innen und Kurator*innen aus aller Welt bietet, schafft sie ein Netzwerk der widerständigen Praxis und kollektiven Resilienz. In geschützten, informellen Räumen entfaltet sie die Qualität eines zukunftsweisenden Labors für transnationale Kollaborationen und neue Festivalformate.

Im Gespräch betrachten Malin Nagel (Leiterin der ITI Academy) und Dr. Juliane Zellner (Direktorin des Internationalen Theaterinstituts) Entstehung und Perspektiven der Academy und beschreiben Trennendes sowie Verbindendes.

Juliane Zellner

Du leitest die ITI Academy nun seit bald sechs Jahren. Wie würdest Du den Fokus und die Praxis der ITI Academy beschreiben?

Malin Nagel

Wir bringen Menschen über kulturelle und geografische Grenzen hinweg zusammen, die sich für die Kraft des Theaters und die Künste als Triebkräfte für Empathie und Veränderung begeistern. Das sind Künstler*innen, die ein Interesse an dem Ineinandergreifen von Kunst, Aktivismus, Sozialkritik und Teilhabe haben. Teilweise kommen sie aus Regionen und Kontexten der Welt, in denen totalitäre Regime herrschen und in denen sie in ihrer künstlerischen Praxis stark eingeschränkt sind oder gar lebensgefährdenen Risiken ausgesetzt sind – und den Umständen zum Trotz nach Wegen suchen, ihre Arbeit fortzusetzen. Wenn wir die – inzwischen ja überstrapazierten Worte – “kollektive Resilienz” und “Widerstand” in diesem Zusammenhang verwenden – füllen wir diese “Worthülsen” mit den Teilnehmenden der ITI Academy mit konkreten Erfahrungen, Situationen und Strategien. Wir blicken dabei auch auf das, “was da los ist” zwischen Handlungsfähigkeit und Handlungsohnmacht: Wann ist resiliente und widerständige Praxis für eine*n Künstler*in subjektiv möglich und welche äußeren und inneren Umstände in Wechselwirkung führen dazu, dass die künstlerische Praxis nicht fortgesetzt werden kann?

Juliane Zellner

Ausgehend von Deutschland richtet sich die Academy ja dezidiert an Künstler*innen weltweit, wie kam es zu ihrer Gründung?

Malin Nagel

Innerhalb des Weltverbands entstand 2014 das NEAP-Komitee – Network of Emerging Arts Professionals. Während viele der älteren ITI-Mitglieder aus den weltweit entsandten Delegationen das ITI seit Jahren mitprägen, häufig institutionell angebunden sind und damit über finanzielle Möglichkeiten für Reisen und Begegnung verfügen, fehlten der jüngeren Generation entsprechende Zugänge. Das Deutsche ITI reagierte darauf mit der Gründung der ITI Academy als Netzwerk zur Förderung junger, grenzüberschreitend arbeitender Künstler*innen. THEATER DER WELT bot uns dann die ideale Plattform für eine lebendige Umsetzung der Academy.

Die Anfänge fielen in die Corona-Zeit. Das war eine herausfordernde Situation. Internationales Arbeiten sowie physische Begegnungen mussten vollkommen neu gedacht werden. Ein erstes Academy-Format im Rahmen von THEATER DER WELT in Düsseldorf entstand in Kooperation mit der The Festival Academy aus Brüssel, deren Erfahrungswerte uns dabei halfen, unser eigenes Profil zu schärfen. Während dort künftige Festivalmanager*innen in verschiedenen Formaten zusammenkommen, richtet sich die ITI Academy bewusst an Künstler*innen. Ihre inhaltliche Arbeit bildet die Basis des Austauschs.

Von Beginn an ging es uns darum, ein nachhaltiges Netzwerk zu schaffen, das Menschen miteinander verbindet und Synergien erzeugt – ein Nährboden für künftige Kooperationen.

Juliane Zellner

Wie findet ihr die Fellows der Academy? Und, wie gestaltet ihr das Zusammenkommen oder die gemeinsame Arbeit?

Malin Nagel

Für die ITI Academy Week gibt es offene Ausschreibungen. Mit dem diesjährigen Open Call haben uns rund 500 Bewerbungen aus der ganzen Welt erreicht, daraus wurden 12 Fellows von einem fünfköpfigen Gremium ausgewählt und zur ITI Academy Week eingeladen. Während des Festivals THEATER DER WELT findet dann die ITI Academy Week statt. Hier treffen die 12 Fellows auf weitere eingeladene Künstler*innen, die meist bereits zuvor im Rahmen der Academy mitgewirkt haben. Alle Teilnehmenden der Academy werden Teil des Alumni-Netzwerks, das internationale Verbindungen weiterführt und stärkt.

Juliane Zellner

“Since wars begin in the minds of men and women, it is in the minds of men and women that the defences must be constructed“ (Aus ‘Constitution of the United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO)’) In diesem Geiste gründete sich 1948 auf Initiative der UNESCO das Internationale Theaterinstitut (ITI). Heute scheint das multilaterale Handeln in einer Krise zu sein. Welche Rolle spielen Netzwerke wie die ITI Academy in dieser Situation?

Malin Nagel

Wenn sich auf politischer und wirtschaftlicher Ebene Türen schließen, ist es wichtig auf künstlerischer Ebene nach Möglichkeiten zu suchen, verbunden zu bleiben. Natürlich ist die Zusammenarbeit durch die weltweite politische Lage komplizierter geworden. Die verschiedenen sozialen, historischen, ökonomischen und politischen Zusammenhänge wirken sich sehr auf unsere Leben aus. Nicht überwindbare Unterschiede und unterschiedliche Voraussetzungen erschweren die Haltung eines offenen Interesses aneinander und stehen manchmal dem Erleben von Gemeinsamkeiten über Kulturen und Identitäten im Weg. Große Hürden begegnen uns etwa beim Reisen; physische Begegnung und der direkte Austausch sind dadurch stark eingeschränkt. Aber unser Auftrag und Selbstverständnis als Teil des ITIs ist nicht davon abhängig, ob die Lage günstig ist. Gerade in Krisenzeiten müssen wir die gemeinsame Arbeit mit all ihren Widersprüchen und Herausforderungen fortführen - und dabei lassen wir die individuellen Situationen, in denen sich die Akteuer*innen, mit denen wir zusammenkommen, nicht außer Acht. Und das bedeutet Formate zu schärfen und anzupassen.

Juliane Zellner

Bei THEATER DER WELT in Frankfurt 2023 fand die erste Ausgabe der ITI Academy statt. Warum habt ihr den Fokus zunächst auf international arbeitende Künstler*innen in Deutschland gelegt – und wie verbindet sich dieser lokale Ansatz mit dem weltweiten Netzwerk des ITI?

Malin Nagel

Uns schien es notwendig, zunächst auf die unterschiedlichen, internationalen, lokal verorteten darstellenden Künste hier in Deutschland den Fokus zu legen. Wo stehen wir? Wer sind “wir”, wenn wir die Welt zu uns einladen? Unser Eindruck war: Wir müssen zuerst koloniales Denken, Strukturen und Eurozentrismus identifizieren und dekonstruieren und uns den Herausforderungen stellen, die wir in unserem Arbeitsleben hier in Deutschland haben. Wie arbeitet man als Künstler*in international und grenzüberschreitend von Deutschland aus und welche Herausforderungen stellen sich im transnationalen Arbeiten? Das schien uns die Grundlage für den nächsten Schritt zu sein.

Vier Module mit Formaten zu Kuration, Produktion und transnationalem Arbeiten, die wir gemeinsam mit dem Festivalteam von THEATER DER WELT in Frankfurt entwickelten, bildeten das Curriculum und führten hin zur Academy Week. Zugleich blieb der Bezug zum globalen ITI-Netzwerk zentral. In Kooperation mit dem NEAP-Komitee des Weltverbands veranstalteten wir im Anschluss eine Gesprächsreihe zu den Bedingungen für gelingende, internationale Zusammenarbeit in den Künsten und schlugen damit die Brücke zur diesjährigen Ausgabe in Chemnitz.

Juliane Zellner

THEATER DER WELT bietet eine gute Andockstelle für die ITI Academy. Doch kann eine Academy temporär gedacht werden und immer nur alle drei Jahre im Zyklus des Festivals stattfinden?

Malin Nagel

THEATER DER WELT bildet einen Ausgangs- und Kristallisationspunkt. Doch du sagst es: Die Academy ist ein Netzwerk, das sich dauernd, auch zwischen den Festivals, weiterentwickelt. Die Welt ist in den letzten Jahren nicht einfacher geworden. Gerade deshalb ist es wichtig, international im Gespräch zu bleiben. Unsere Formate reagieren fortlaufend auf aktuelle Entwicklungen. Neben der Academy Week entwickelten wir im vergangenen Jahr die ITI Academy Labs, in denen jeweils zwei Künstler*innen aus zwei unterschiedlichen geografischen Kontexten zu Themen wie Kunstfreiheit und Zensur und Praktiken kollektiver Fürsorge arbeiten, sowohl digital als auch vor Ort in Berlin.

Langfristig wollen wir das Netzwerk ausbauen – an drei bis vier Orten, auf weiteren Festivals und mit neuen Partnern. Viele Häuser interessieren sich für internationale Zusammenarbeit. Damit wollen wir die Academy auch über THEATER DER WELT hinaus verstetigen.

Juliane Zellner

Themen wie Demokratiestärkung und Wertepluralismus haben in Deutschland angesichts des Rechtsrucks und der Erfolge der AfD neue Dringlichkeit bekommen – Weltweit arbeiten wir mit vielen Künstler*innen zusammen, die in Ländern mit lang andauernden autokratischen Strukturen leben und Repressionen in einem – für uns teils ungeahntem – Ausmaß ausgesetzt sind. Unser Interesse, so mein Eindruck, wächst auch in Antizipation eigener Betroffenheit. Wie geht die ITI Academy mit diesem Spannungsverhältnis um?

Malin Nagel

Diese Entwicklung sehen wir in vielen Ländern Europas und des sogenannten Westens. Gesellschaften, die sich lange als stabile Demokratien verstanden haben, erleben jetzt Erosionstendenzen. Länder, die sich vermeintlich im liberalen, demokratischen Spektrum bewegt haben, realisieren nun, dass die Grundrechte der Demokratie schnell auf dem Spiel stehen können und es sie zu verteidigen gilt. Dadurch wachsen der Bedarf und das Interesse an diesen Themensetzungen. Dabei ist es wichtig, im Blick zu behalten, dass sich die jeweiligen Situationen weltweit stark unterscheiden. Welchen Handlungsspielraum gibt es in welchem Kontext? Welche Möglichkeiten der Gestaltung? Was sind die rechtlichen Rahmenbedingungen und wo verlaufen Verantwortlichkeiten? Als Institution arbeiten wir stets in einem konkreten nationalen Kontext, auch wenn unser Blick international ist. Daraus ergibt sich Verantwortung. Wir setzen Themen, behalten aber auch die Prägungen und Beschränkungen der eigenen Perspektiven im Blick. Eine sich verschiebende Diskurshoheit in einer demokratischen Gesellschaft wie Deutschland ist nicht vergleichbar mit autoritären Systemen und Diktaturen anderer Länder - umso wichtiger ist es, dort die Räume für einen offenen Austausch und Debatten zu öffnen und zu halten, wo es möglich ist.

Juliane Zellner

Die Fellows bringen ihre eigenen Geschichten und Erfahrungen mit. Wie geht ihr damit um?

Malin Nagel

Wichtig ist uns, die jeweils eigenen Geschichten und Erfahrungen, Prägungen und Interessen miteinander in den Begegnungen in Korrespondenz zu bringen. Egal ob in Simbabwe oder Indien, Uganda oder Peru, China oder Iran, es stellen sich überall ähnliche Fragen: Was sind die Basic Grounds, damit Menschen überhaupt die Kapazitäten und Ressourcen haben, um sich erstens: aufeinander einzulassen, zweitens: sich besser kennenzulernen und drittens: womöglich miteinander zu kooperieren? Wie kann man einen Safe Space kreieren? Übrigens eher als eine Art Ideal – denn in der Realität ist das meines Erachtens in größeren, diversen Gruppen wie hier kaum denkbar – aber als Annäherung und dafür ist die Qualität der Beziehung entscheidend.

Im Austausch miteinander geht es dann um Strategien des Widerstands und der Resilienz. Widerstand entsteht ja oft als Reaktion auf die Einschränkung der eigenen Entscheidungs- und Meinungsfreiheit. Dann ist es die persönliche Herausforderung, die damit verbundenen Emotionen, wie Wut und – wenn es repressiv wird – auch Angst irgendwie als Katalysator zu nehmen und mit den eigenen Bedürfnissen und Werten zusammenzubringen. Daraus können sich dann klarere Haltungen und dann auch konkrete Strategien und Handlungsoptionen für die einzelne Person ergeben: Wie kommuniziert man etwa in einem Kollektiv aus dem Gefängnis heraus? Wie organisieren sich Treffen fernab der Öffentlichkeit? Welche Codes verwendet man, die nicht direkt zu entschlüsseln sind und doch Außenstehenden vermitteln, wann etwas stattfindet. Einige Künstler*innen setzen auf körperliches Training, das sie in ihren Kollektiven durchführen, um sich gemeinsam mental zu stärken und physisch bei Angriffen Widerstand leisten zu können. Es werden Formationen eingeübt, sich durch die Stadt zu bewegen, ohne als Einzelne*r angreifbar zu werden.

Solche Strategien zeigen, wie wichtig unsichtbare Strukturen sind – Allianzen, die Schutz bieten, wenn es gefährlich wird; Verbündete außerhalb des Kollektivs und der eigenen Community, die sich als Fürsprecher*innen einsetzen.

Juliane Zellner

Die Gruppe kommt nur für kurze Zeit physisch an einem Ort zusammen. Entsteht dabei nicht der Druck, sichtbare Ergebnisse zu produzieren?

Malin Nagel

Die Academy versteht sich bewusst als Gegenentwurf zur ständigen Leistungslogik. Es geht nicht um Präsentationen oder fertige Produkte, sondern um den gemeinsamen Prozess. Viele der Teilnehmenden arbeiten unter schwierigen Bedingungen. Die Academy möchte einen Raum bieten, in dem sich die Teilnehmenden ohne Erwartungsdruck austauschen können über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer Praxis. Was uns aber wichtig ist, sind Momente, in denen wir diese Dialoge für die lokalen Communities und Interessierte öffnen, uns mit Akteur*innen und Organisationen vor Ort vernetzen und auch öffentliche Gesprächsformate zu den Themen der Academy anbieten, in denen wir die Fellows als Expert*innen oder Workshopleitungen einbinden.

Juliane Zellner

In vielen Ländern, aus denen die Fellows kommen, ist künstlerische Freiheit stark eingeschränkt. Welche Verantwortung trägt das Deutsche ITI als ausrichtende Institution?

Malin Nagel

Viele der Academy-Fellows kommen aus Kontexten, in denen Infrastruktur und Förderung der darstellenden Künste fehlen oder wo das freie künstlerische Arbeiten eine Gefahr darstellt. Die Academy bildet einen Raum für Erfahrungsaustausch und Vernetzung, in dem sich Strategien entwickeln und austauschen lassen. Dabei tragen wir auch eine Verantwortung für die Sicherheit unserer Teilnehmenden. Es braucht ein Bewusstsein für die jeweiligen Situationen der Künstler*innen und eine enge Kommunikation mit ihnen auf der organisatorischen Ebene, um sie z. B. nicht über einen unbedarften Social Media Post oder spontane Öffnung eines Formats in Gefahr zu bringen. Wir hier in Deutschland machen als ITI aber auch sichtbar, wofür wir stehen: Menschenrechte, Völkerrecht, Kunstfreiheit. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht, leider auch nicht mehr hier in Deutschland. Wenn wir Räume des Vertrauens schaffen, handeln wir politisch – nicht durch Parolen, sondern durch gelebte Solidarität.

Juliane Zellner

„Frieden durch Verständigung“ – ist das noch zeitgemäß?

Malin Nagel

Vielleicht wirkt der Satz naiv, oder gar zynisch. Aber er ist aktueller denn je. Frieden ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Und diese Praxis beginnt – genau wie der Krieg – im Denken der Menschen.

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