Logo ITI Germany
10 Min

06.02.2025

Text

Antonia Rohwetter

Foto

Elena Fiebig

Das Versprechen der Sorge

Auseinandersetzung mit den Krisen der sozialen Reproduktion im Bereich der darstellenden Künste

Es wird immer schwieriger, sich nicht um die Sorge zu sorgen. Sorge ist überall: Von der persönlichen Ebene der „Selbstfürsorge“ bis hin zur infrastrukturellen Dimension der „Care-Krise“, wie sie sich im Gesundheitssektor manifestiert, vermittelt die Allgegenwart des Wortes unbestreitbar etwas über den gegenwärtigen historischen Moment – einen Moment, der von den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie geprägt ist, aber nicht auf diese reduziert werden kann. Insbesondere in den darstellenden Künsten waren künstlerische Praxis, Kuration und Programmgestaltungen in den letzten Jahren von Versuchen gezeichnet, die Notwendigkeit von Fürsorge zu betonen. Betrachtet man die aktuellen Themen von Festivals, Konferenzen, Publikationen und Ausstellungen, so scheint es, dass keine Kunstinstitution darauf verzichten konnte, ein Programm zum Thema Care oder zu verwandten Konzepten wie Heilung, Resilienz, Verletzlichkeit, Relationalität und Reproduktion zu entwickeln. Diese Hinwendung zur Fürsorge lässt sich nicht nur in der diskursiven Rahmung von Kunstveranstaltungen beobachten, sondern auch innerhalb künstlerischer Praktiken selbst. Zunehmend erleben wir Performances in Form von Ritualen oder anderen partizipativen Formaten, in denen Fragen des Umgangs miteinander, menschlich und nicht-menschlich, im Mittelpunkt stehen.
Wie bei jedem Begriff, der den kulturellen Diskurs allzu schnell einnimmt, besteht dabei die Gefahr, mit „Sorge“ einen leeren Signifikanten zu betonen, dem vermeintlich alle zustimmen, ohne seine tatsächliche Verwendung, Bedeutung oder politische Relevanz zu hinterfragen oder durchzuarbeiten. In diesem Sinne verstehe ich diesen Text als eine Einladung, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen: Was sagt uns diese Fokussierung auf Care in den Künsten über unsere gegenwärtige Situation? Inwiefern verspricht der Begriff „Care“ als Instrument zu fungieren, das die Krisen unserer Zeit zu beantworten vermag? Und unter welchen Bedingungen können diese Versprechen in Praktiken umgesetzt werden, die auch die Bedingungen, unter denen wir Fürsorge leisten, verändern?
 

Um mich diesen Fragen anzunähern, möchte ich zunächst einige Überlegungen zum Begriff der Fürsorge anstellen. Warum ist er zu einem so wichtigen Begriff in den darstellenden Künsten geworden – ausgerechnet in einem Bereich mit so prekären Arbeitsbedingungen?

„Während die aktuelle exzessive Verwendung des Begriffs „Care“ auf sein Versprechen von Pflege und Fürsorge hinzuweisen scheint, könnte es interessant sein, sich vor Augen zu führen, dass seine Etymologie auch weniger optimistische Konnotationen nahelegt.‟

Im englischen Care kollidieren die affektiven, ethischen und materialistischen Register des Begriffs, die sich im Deutschen in verschiedenen Wörtern auffächern lassen: Sorge, Fürsorge, Pflege, Sorgfalt. Mit Sorge übersetzt deutet Care auf den Kummer, die Besorgnis oder einfach das Gefühl, sich um jemanden zu sorgen; als Fürsorge zielt Care auf die Form der fürsorglichen Pflege oder Hilfe, die von Verwandten, Freunden oder auch öffentlichen Diensten geleistet wird; mit Versorgung oder Pflege übersetzt bezeichnet Care Formen der Kinderbetreuung, der Pflege von Hilfebedürftigen oder der Aufmerksamkeit, die wir Dingen widmen, um sie zu erhalten; zudem kann Care eine bestimmte Qualität beschreiben, mit der wir der Welt um uns herum begegnen: Sorgfalt oder Umsicht. Gerade weil der englische Begriff all diese Bedeutungen zu umfassen scheint, ist er auch in der deutschsprachigen Wissenschaft und Kunst weit verbreitet (vgl. Binder/Hess 2019). Während die aktuelle exzessive Verwendung des Begriffs „Care“ auf sein Versprechen von Pflege und Fürsorge hinzuweisen scheint, könnte es interessant sein, sich vor Augen zu führen, dass seine Etymologie auch weniger optimistische Konnotationen nahelegt. Das altenglische Wort „caru“ bedeutet „Kummer, Angst, Trauer“, aber auch „ernste geistige Aufmerksamkeit“. Dabei werden die Nähe und Ambivalenz deutlich, die sich zwischen dem Sorgen haben und dem Sorge tragen, dem Kummer und dem Kümmern auch im Deutschen heraushören lassen. Wenn ich also das Versprechen von Care oder Sorge in den Künsten beschreiben will, könnte ich bei der Frage ansetzen, welchen Kummer dieses Versprechen in sich trägt.
 

In dem Essay „The commons: Infrastructures for troubling times“ schreibt die Kulturtheoretiker:in Lauren Berlant: „All times are transitional. But at some crisis times like this one, politics is defined by a collectively held sense that a glitch has appeared in the reproduction of life.“ (Berlant 2016: 393; „Alle Zeiten sind Zeiten des Übergangs. Aber in Krisenzeiten wie diesen wird die Politik von einem kollektiven Gefühl bestimmt, dass in der Reproduktion des Lebens eine Störung aufgetreten ist.“). Berlant schrieb diese Zeilen vor der globalen COVID-19-Pandemie, aber ich denke, dass diese Darstellung eines scheinbar sozial geteilten Gefühls dafür, dass die Reproduktion des Lebens gestört ist, seitdem noch zutreffender geworden ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass auch ein gemeinsames Verständnis darüber besteht, welche Ressourcen und Lebensweisen dies sicherstellen würden – ganz im Gegenteil. Die Reproduktion des Lebens fällt in der Regel in den Bereich der Fürsorge. Dies ist auch der Fall in Joan Trontos allgemeiner Definition von Care: „Everything that we do to maintain, continue, and repair ‚our world’ so that we can live in it as well as possible. That world includes our bodies, ourselves, and our environment, all that we seek to interweave in a complex, life sustaining web“ (Tronto 1993: 103; „Alles, was wir tun, um ‚unsere Welt‘ zu erhalten, fortzuführen und zu reparieren, damit wir so gut wie möglich darin leben können. Diese Welt umfasst unsere Körper, uns selbst und unsere Umwelt, alles, was wir in einem komplexen, lebenserhaltenden Netz miteinander zu verweben versuchen“). Dies ist das Ideal der Fürsorge: Ein gemeinsames Wir wirkt kollektiv daran mit, die Lebbarkeit des Lebens durch fürsorgliche Praktiken zu ermöglichen – gerade in Zeiten, in denen diese Lebbarkeit als zunehmend prekär wahrgenommen wird. Es ist dieses Ideal, das optimistisch beschworen wird, wenn Care auf Bühnen, in Podiumsdiskussionen und in Publikationen in den Mittelpunkt rückt. Care wird zu einer optimistischen Antwort auf die Krisen der sozialen Reproduktion, die nun auch die Mittelschicht zu treffen scheinen, denn erst dann „neigen Krisen dazu, sich massenpolitisch zu verallgemeinern“ (Berlant in Puar 2012: 166), obwohl sie für Menschen am Rande der Gesellschaft längst Realität sind. Es besteht ein starker Kontrast zwischen diesen ethischen, lebenserhaltenden Versprechen, die die Fürsorge mit sich bringt, wenn sie in den Künsten thematisiert wird, und den Bedingungen, unter denen Care-Arbeit tagtäglich stattfindet.

„In den zeitgenössischen Diskursen über Care- und Reproduktionsarbeit [...] stößt man häufig auf ein weit verbreitetes Missverständnis: die Vorstellung, diese feministischen Bewegungen hätten für die affirmative Anerkennung von Care-Arbeit als Arbeit gekämpft. Für die Perspektiven, die dieser Text eröffnen möchte, ist es jedoch wichtig festzuhalten, dass feministisch-marxistische Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen wie Federici vielmehr die Mechanismen aufzeigen wollten, die Fürsorgearbeit als sozial entwertete und unsichtbare Arbeit positionieren.‟

Um Reproduktionsarbeit theoretisch zu beschreiben, haben marxistisch-feministische Theoretikerinnen (Federici 2004, 2012; Bhattacharya 2017) ihre Analysen auf die Anfänge der industriellen Moderne und deren Trennung von Reproduktions- und Produktionssphäre und damit auf deren Geschlechtertrennung gerichtet. Die paradigmatische Form dieser geschlechtsspezifischen Lebenseinteilung ist die Kernfamilie, in der die außerhäusliche Erwerbsarbeit den Männern und die unbezahlte Sorgearbeit den Frauen obliegt1. Die Verantwortung für Care-Tätigkeiten (Haushaltsführung, Kindererziehung, affektive und körperliche Pflege) und damit die Aufgabe der Reproduktion des Lebens wurde historisch in der Regel von Frauen übernommen, auch wenn diese sich zusätzlich an der Lohnarbeit beteiligten, wie es bei armen und rassifizierten Frauen schon immer der Fall war. Darauf hinzuweisen, dass die Reproduktion des Lebens im Kapitalismus immer auch der Reproduktion der Arbeitskraft und damit ihrer Ausbeutung dient, war ein zentrales Anliegen der Frauenbewegungen der 1970er Jahre, etwa der Kampagne „Wages for Housework“ („Lohn für Hausarbeit“). In den zeitgenössischen Diskursen über Care- und Reproduktionsarbeit, also in dem Kontext, in dem Wissenschaftlerinnen wie Silvia Federici institutionell wiederentdeckt wurden, stößt man häufig auf ein weit verbreitetes Missverständnis: die Vorstellung, diese feministischen Bewegungen hätten für die affirmative Anerkennung von Care-Arbeit als Arbeit gekämpft. Für die Perspektiven, die dieser Text eröffnen möchte, ist es jedoch wichtig festzuhalten, dass feministisch-marxistische Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen wie Federici vielmehr die Mechanismen aufzeigen wollten, die Fürsorgearbeit als sozial entwertete und unsichtbare Arbeit positionieren. Dabei ging es ihnen weniger um eine positive Aufwertung der Sorgearbeit, sondern vielmehr um eine Analyse, wie die Etablierung von Sorgearbeit als Frauenarbeit und die damit einhergehende Abwertung als sexistische kapitalistische Ausbeutungstechniken funktionieren. Die Forderung nach Lohn wurde nicht als liberaler Inklusionsanspruch formuliert, sondern als revolutionäre Forderung. Die Zahlung angemessener Löhne für Sorgearbeit, so die Analyse dieser Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen, sei mit der gegenwärtigen Produktionsweise unvereinbar und würde somit letztlich zum Zusammenbruch der kapitalistischen Wertschöpfung führen.
 

Im heutigen globalisierten Spätkapitalismus, in dem ein großer Teil der Frauen in den Arbeitsmarkt integriert ist, wenn auch zu niedrigeren Löhnen, ist dies vielleicht noch deutlicher sichtbar: Im Globalen Norden ist ein großer Teil von Fürsorgearbeit bezahlte Arbeit.2 Sie wird jedoch in der Regel an ärmere, oft rassifizierte Frauen delegiert, häufig an Migrantinnen aus dem Globalen Süden – meist unterbezahlt und innerhalb der Lücken der sozialen Sicherung oder des Arbeitsrechts ausgeführt (Lutz 2008; Parreñas 2005). Betrachten wir also den Begriff Care vor dem Hintergrund der Geschichte und der gegenwärtigen Organisation von Reproduktionsarbeit, so erscheint Care als eine knappe Ressource, die durch die Mobilisierung vergeschlechtlichter und rassifizierter Körper gewonnen wird. In ihrer vergeschlechtlichten Historizität bleibt Fürsorge, als Ressource verstanden, an die affektive Kapazität der Körper gebunden, die sie leisten. Sie lässt sich in Kontinuitäten zu dem begreifen, was im Kontext der Dienstleistungsökonomie und der postfordistischen Arbeit als affektive und feminisierte Arbeit verstanden werden kann (Gutiérrez Rodríguez 2012, Precarias 2005). In diesem materialistischen Diskurs hat Care bereits vor der Pandemie den Weg in die feministische Öffentlichkeit gefunden hat. Die Pandemie hat dabei noch deutlicher gemacht, wie sehr Gesellschaften auf funktionierende Infrastrukturen der Fürsorge angewiesen sind.

„Wenn es nur mehr Fürsorge gäbe (für den Planeten, für nicht-menschliche und menschliche Wesen, in Gemeinschaften, in Arbeitsbeziehungen, in Familien und Freundschaften, vom Staat, für uns selbst), so scheint das Konzept oft zu implizieren, wäre das Leben lebenswerter. Doch Fürsorge kann nur dann transformativ sein, wenn sie auch die Bedingungen verändert, unter denen wir Fürsorge leisten.‟

Wenn Berlant allerdings, wie oben zitiert, die affektive Sphäre beschreibt, in der die Reproduktion des Lebens als krisenhaft wahrgenommen wird, dann geht es nicht in erster Linie um die ungleiche Verteilung und Ausbeutung von Sorgearbeit, sondern um ein öffentlich geteiltes Gefühl, dass sich die Lebbarkeit des Lebens zum Schlechteren verschoben hat. Im Globalen Norden werden Burnout und Depression als affektive Symptome dieser Krise beschrieben (Cvetkovich 2012), die zum Beispiel auf Prekarisierung und den wahrgenommenen Verlust von Lebenszeit durch die Auflösung der Grenzen zwischen Leben und Arbeit zurückgeführt werden (s. Virno 2005 oder in einer populäreren Version: Hochschild 2001). Möglicherweise wird dieses gemeinsame Gefühl auch durch die Tatenlosigkeit oder vermeintliche Ohnmacht gegenüber den andauernden verheerenden Kriegen und der täglich bedrohlicher werdenden Klimakrise hervorgerufen. In diesen affektiven Zuständen (die im Allgemeinen auch von Kulturschaffenden und Künstler:innen geteilt zu werden scheinen) wird der Mangel an Fürsorge oft als soziale Isolation erlebt, als Mangel an Gemeinschaft oder kontinuierlichen sozialen Beziehungen, die unser Leben strukturieren, und an den Bedingungen, die es so schwierig machen, diese aufrechtzuerhalten. Vor diesem Hintergrund wird Fürsorge zu einem Versprechen: Wenn es nur mehr Fürsorge gäbe (für den Planeten, für nicht-menschliche und menschliche Wesen, in Gemeinschaften, in Arbeitsbeziehungen, in Familien und Freundschaften, vom Staat, für uns selbst), so scheint das Konzept oft zu implizieren, wäre das Leben lebenswerter. Doch Fürsorge kann nur dann transformativ sein, wenn sie auch die Bedingungen verändert, unter denen wir Fürsorge leisten. Andernfalls trägt sie mit ihren erhaltenden, reparativen, repetitiven Eigenschaften, ihren Notwendigkeiten und damit Abhängigkeiten schaffenden Eigenschaften eher zur Stabilisierung bestehender Ausbeutungs- und Ungleichheitssysteme bei. Dies gilt in gleichem Maße für die Selbstfürsorge, die sich so leicht in kommerzialisierte Formen der Entspannung integrieren lässt. Nur wenige von uns können die Notwendigkeit unserer persönlichen Selbstfürsorgerituale leugnen, aber oft besteht ihre Funktion darin, es uns zu ermöglichen, ein Leben weiterzuführen, das von einer Welt strukturiert wird, die wir grundsätzlich in Frage stellen. Natürlich gibt es auch eine Geschichte der Selbstfürsorge als Form des Widerstands aus marginalisierten Perspektiven. In diesem Zusammenhang könnte man an Audre Lordes berühmtes Zitat aus ihren Memoiren über ihren Kampf gegen den Krebs, A Burst of Light (1988), denken: „Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation, and that is an act of political warfare“ („Für mich selbst zu sorgen, ist keine Nachsicht, es ist Selbsterhalt und damit ein Akt politischer Kriegsführung“). Wenn Leben als nicht lebenswert angesehen wird, z. B. durch direkte Gewalt oder strukturelle Vernachlässigung, z. B. durch Gesundheitssysteme, strukturellen Rassismus oder geopolitische Maßnahmen, kann Überleben eine Form des Widerstands sein, und Selbstfürsorge kann unter bestimmten Umständen ein Mittel zum Überleben sein. Dies ist jedoch der schwierige Teil der Auseinandersetzung mit dem Begriff „Care“ – es ist schwierig zu unterscheiden, wann sich Care mit Machtsystemen gemein macht und wann Care das Potenzial hat, auf transformative Weise zu intervenieren.
 

Wenn sich die Kunst also der Fürsorge zuwendet, anstatt sich ihrem abstrakten Wert hinzugeben, könnte sie versuchen, sich aufrichtig mit den Realitäten der Fürsorge und unserer heutigen Sehnsucht danach auseinanderzusetzen. Das würde bedeuten, nicht das ethische und idealistische Versprechen zu wiederholen, das der Begriff der Fürsorge inzwischen evoziert, sondern sich der Fürsorge anzunähern, in dem man ihre materiellen Konsequenzen in die eigene künstlerische Praxis einbindet.
 

Eine Möglichkeit, die materielle Realität der Fürsorge in Bezug auf die künstlerische Praxis anzugehen, besteht darin, über Zeit nachzudenken. Ich glaube, man kann kaum unterschätzen, wie sehr die zeitgenössische Sehnsucht nach Fürsorge, die in der Kunst und jenseits von ihr zum Ausdruck kommt, mit der Sehnsucht danach verbunden ist, das Verhältnis zu Zeit neuzugestalten. Wenn wir uns die Zeit der Fürsorge als eine Zeit des Innehaltens und der Verlangsamung vorstellen, als eine Zeit der Erholung, und wenn wir die Fürsorge gleichzeitig als die dringende Fortsetzung und Kontinuität der sozialen Reproduktion und Erhaltung betrachten, dann verspricht die Fürsorge eine zeitliche Vielfalt, die im Widerspruch zu den Zeitlichkeiten der Kunstproduktion in den freien darstellenden Künsten steht. Vielleicht ist es aber gerade dieser Widerspruch, der Konzepten von Care, Ruhe und Resilienz in diesem spezifischen Bereich so viel Resonanz gegeben hat.
 

Wie die Fürsorge wird auch die Zeit durch materielle Praktiken erzeugt. Ich denke hier gerne an Alison Kafers (2013) Definition von Crip Time: „Rather than bend disabled bodies and minds to meet the clock, crip time bends the clock to meet disabled bodies and minds“ („Anstatt den Körper und Geist von Menschen mit Behinderung dazu zu nötigen, sich den zeitlichen Vorgaben einer Uhr anzupassen, bietet Crip Time eine an ihre Bedürfnisse angepasste Uhr“). Dieses Konzept der Anpassung der Uhr kann sehr hilfreich sein, wenn man über die Zeitlichkeit von Care nachdenkt. Bei Care geht es nicht unbedingt um Verlangsamung, sondern um die Manipulation von Zeit, um bestimmten Bedürfnissen (einer Handlung, eines Körpers, einer Beziehung...) entgegenzukommen. Dies wird auch in der Geschichte feministischer Perspektiven auf Generalstreiks deutlich – die Form des Streiks muss angepasst und ausgedehnt werden, da es für Menschen mit Fürsorgepflichten zu Hause und/oder im Berufsleben unmöglich ist, an einem Streik teilzunehmen, der eine Unterbrechung dieser Arbeit erfordert (Precarias 2005). Oder wenn man an die informellen Infrastrukturen der Fürsorge in Nachbarschaften und Gemeinschaften denkt, die in postfordistischen Gesellschaften immer schwieriger aufrechtzuerhalten sind: Was diese Arbeit braucht, ist die Unterbrechung produktivistischer Zeitlichkeiten, um Ausdauer und Beständigkeit, Regelmäßigkeit und Kontinuität zu fördern – „militant preservation“ („militante Bewahrung“), wie Fred Moten und Stefano Harney (2013) den zeitlichen Widerstand marginalisierter Lebensformen, „carried out by and on the means of social reproduction“ (der „von und an den Mitteln der sozialen Reproduktion geleistet wird“), beschrieben haben.
 

Im Gegenteil, die vorherrschende zeitliche Form, in der die Arbeit in den freien darstellenden Künsten organisiert ist, ist das Projekt. Wie das Wort selbst schon andeutet, verkörpert das Projekt ein spezifisches Verhältnis zur Zeit – es projiziert die Zukunft und ist dabei nicht auf seine eigenen Bedürfnisse, sondern auf sein eigenes Ende, seine Vollendung oder, man könnte auch sagen, seinen Tod (buchstäblich: die Deadline) ausgerichtet. Der zeitliche Modus Operandi der Projektarbeit ist die vollendete Zukunft, das Futur Zwei. Das Verhältnis zur Gegenwart ist dabei geprägt von einer Schuld, einem Versprechen, das auf die Zukunft gerichtet ist, auf die immer schon antizipierte Vollendung des Projekts. In ihrem Buch "Artist at Work. Proximity of Art and Capitalism" (2012), nennt die Philosophin und Performance-Theoretikerin Bojana Kunst diese zeitliche Form der Arbeit „projective temporality“ („projektive Zeitlichkeit“).
 

„Projektive Zeitlichkeit macht es schwierig, Fürsorge zum Herzstück der eigenen Arbeit zu machen. In Bezug auf die künstlerische Arbeit erschwert sie nicht nur die Aufrechterhaltung einer kontinuierlichen Praxis – selbst innerhalb des Projekts scheint es oft unmöglich, nach einem Zeitplan zu arbeiten, der sich an den Erfordernissen des Werks orientiert.‟

Die zeitlichen Zyklen der Projektarbeit überschneiden sich, wenn das Projekt, beginnend mit seiner ersten Konzeption, in der Zukunft abgeschlossen sein wird: Während man für die bevorstehende Premiere probt, arbeitet man höchstwahrscheinlich schon am Konzept für das nächste Projekt, um die nächste Antragsfrist für Fördergelder einzuhalten oder die Erwartungen des internationalen Performance-Kurators zu erfüllen. Während man auf die Bewilligungs- oder Ablehnungsbescheide von Förderorganisationen oder potenziellen Partnerinstitutionen wartet, engagiert man sich in bereits geförderten Projekten, arbeitet an Projekten anderer mit und nimmt an Residenzen oder anderen Formen befristeter Arbeitsverpflichtungen wie z. B. Lehraufträgen teil. Die zeitliche Befristung der Projektarbeit zwingt dazu, immer mehr vorübergehende und in der Regel geografisch verstreute Aufgaben zu übernehmen. Die Aufrechterhaltung des Alltagslebens wird dadurch ebenso zu einer Herausforderung wie die Aufrechterhaltung einer kontinuierlichen künstlerischen Praxis. Letztere wird durch die Projektform unterbrochen oder überbestimmt und muss sich ihr gegenüber immer wieder als etwas Neues präsentieren. Anstatt die kontinuierliche Entwicklung einer Methode, einer Ästhetik, einer Idee, einer Praxis zu betonen, müssen Künstler:innen im Rahmen der projektiven Zeitlichkeit ihren Vorschlag so auch innerhalb der eigenen Karriere als originell darstellen. Für Künstler:innen, die in Ländern ohne ausreichende Kunstförderung arbeiten, können Projekte oft nur durch die Organisation ihrer internationalen Verbreitung und damit ihrer Finanzierung entstehen – die Realisierung des Projekts hängt dabei in hohem Maße von der Tournee durch kulturell und wirtschaftlich dominante Länder ab. 
 

Projektive Zeitlichkeit macht es schwierig, Fürsorge zum Herzstück der eigenen Arbeit zu machen. In Bezug auf die künstlerische Arbeit erschwert sie nicht nur die Aufrechterhaltung einer kontinuierlichen Praxis – selbst innerhalb des Projekts scheint es oft unmöglich, nach einem Zeitplan zu arbeiten, der sich an den Erfordernissen des Werks orientiert. Es ist auch sehr anstrengend, ein künstlerisches Team über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten, da die projektive Zeitlichkeit hochgradig individualisierte Zeitpläne hervorbringt. Auch die Übernahme von Fürsorgepflichten für Freunde, Tiere, Familie, Kinder wird zu einer fast unmöglichen Aufgabe, die sogar die Karriere gefährden kann. Die ständige Ungewissheit über die Zukunft stellt auch eine Herausforderung für die psychische Gesundheit vieler Akteur:innen in diesem Bereich dar und führt zu Angstzuständen und Depressionen, während die unregelmäßigen Arbeitszeiten die Organisation regelmäßiger Unterstützungssysteme wie Therapiesitzungen erschweren. Für Künstler:innen, die chronisch krank sind oder an einer Behinderung leiden, stellen diese zeitlichen Strukturen an sich bereits ein Arbeitshindernis dar.
 

Projektive Zeitlichkeit erzeugt Prekarität – auch wenn die Frage, ob diese Prekarität unser Leben tatsächlich prekär macht, stark von den individuellen Klassenhintergründen und den sozial determinierten materiellen Unterstützungssystemen abhängt, auf die wir zurückgreifen können oder eben nicht. Wie in der politischen Theorie ausführlich diskutiert, wirkt die Prekarisierung sozialer Sicherheit auch als eine Form von Gouvernementalität (vgl. Lorey 2015). Dass dies auch für die Künste gilt, ist im vergangenen Jahr – vor allem in Deutschland – überdeutlich geworden. Wir haben miterlebt, wie Fördergelder ausgesetzt und Ausstellungen, Veranstaltungen und Konferenzen aufgrund politischer Meinungsverschiedenheiten abgesagt wurden – teils explizit politisch motiviert, teils unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Notwendigkeit. Angesichts des zunehmenden Autoritarismus erweist sich die auf kündbaren Finanzierungen basierende Projektform als eine Form, die die Infrastrukturen der Fürsorge, die wir in den Künsten aufbauen, gefährlich instabil macht. In Deutschland werden die darstellenden Künste in Ermangelung alternativer Modelle oder privater Stiftungen (wie z. B. in den Vereinigten Staaten üblich) überwiegend staatlich finanziert. Während es ein vertretbarer demokratischer Wert ist, dass Kunst und insbesondere Theater als Orte der Begegnung öffentliche Güter sind und daher auch öffentlich finanziert werden sollten, erzeugt die Zentralisierung der Finanzierungsinfrastrukturen eine materielle Abhängigkeit auf Seiten der Kunstinstitutionen, Künstler:innen und anderen Akteur:innen in diesem Bereich, die ihre Fähigkeit zum politischen Dissens beeinträchtigen kann – eine Fähigkeit, die geschult, geschützt und erkämpft werden muss. In diesem Sinne wird es aktuell zur dringenden politischen Notwendigkeit, materiell und sozial belastbare Infrastrukturen der Fürsorge in den darstellenden Künsten zu erproben.
 

Zeit zu gestalten und zu kreieren ist zum Glück das Kerngeschäft des Performancemachens. Hier können politische Imaginationsräume geöffnet werden, wie Zeit sich zugunsten nachhaltiger Beziehungsformen ausdehnen lässt. Solch imaginative Räume von Fürsorge in den Künsten können allerdings nur dann entstehen, wenn nicht schon ästhetisch und rhetorisch vorab ausgemacht ist, wie Fürsorge aussieht, sich anfühlt und klingt.

 

Dieser Text entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts für das Creative Impact Research Centre Europe (CIRCE) und wurde für das ITI Journal adaptiert.

Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Jones.
 


1 Leben außerhalb dieser Zweigeschlechtlichkeit hat es schon immer gegeben. Ich verzichte hier auf eine geschlechtsneutrale oder geschlechtsinklusive Verwendung der Begriffe Männer und Frauen, da ich ihre gesellschaftlich hervorgebrachten und zugewiesenen Rollen innerhalb der historischen Arbeitsteilung als Teil der sozial konstruierten Geschlechterbinarität beschreibe.  

2 Ich verwende die Begriffe Globaler Norden und Globaler Süden hier nicht als geographische Begriffe, sondern als Begriffe, die hegemoniale Beziehungen zwischen Ländern und Regionen beschreiben, die in die ungleiche Verteilung von Wohlstand und extraktivistische Praktiken eingebettet sind. 

 

 

Literatur

Berlant (2016): The commons: Infrastructures for troubling times Infrastructure, in: Environment and Planning D. Society and Space, Vol. 34(3): 393–419.  

Bhattacharya, Tithi, Hg. (2017): Social Reproduction Theory. Remapping Class, Recentering Oppression, London: Pluto Press. 

Binder, Beater/ Hess, Sabine (2019): Politiken der Für_Sorge – Für_sorge als Politik, in: Binder u.a. (Hg.): Care. Praktiken und Politiken der Fürsorge, Opladen: Barbara Budrich. 

Cvetkovich, Ann (2012): Depression - A Public Feeling, Durham/London: Duke University Press. 

Federici, Silvia (2004): Caliban And The Witch: Women, The Body, and Primitive Accumulation, New York: Autonomedia. 

–. (2012): Revolution at Point Zero: Housework, Reproduction, and Feminist Struggle, Oakland: PM Press. 

Gutiérrez Rodríguez, Encarnación (2012): Affective Value. On Coloniality, Feminization and Migration, in: TRANSLATE: Journal for Cultural Theory and Cultural Studies: Unsettling Knowledge. 

Hochschild, Arlie (2001): The Time Bind, New York: Metropolitan. 

Kunst, Bojana (2015): Artist at work. Proximity of Art and Capitalism, Winchester: zero. 

Lorde, Audre (1988): A Burst of Light. Essays, Ithaca, N.Y. : Firebrand Books. 

Lorey, Isabell (2015): State of Insecurity:Government of the Precarious, London: verso. 

Lutz, Helma (2008): Migration and Domestic Work. A European Perspective on a Global Theme, Farnham: Ashgate. 

Moten, Fred/ Harney, Stefano (2013): The Undercommons. Fugitive Planning and Black Study, Wivenhoe / New York / Port Watson: Minor Compositiona. 

Parreñas, Rhacel S. (2005): Children of Global Migration: Transnational Families and Gendered Woes, Stanford: Stanford University Press. 

Precarias a la deriva (2005): Ein sehr vorsichtiger Streik um sehr viel Fürsorge (Vier Hypothesen), in: transversal 07/04, online: eipcp.net/transversal/0704/precarias2/de, (Zugriff: 23.08.2023).  

Puar, Jasbir (2012): A Virtual Roundtable with Lauren Berlant, Judith Butler, Bojana Cvejić,Isabell Lorey, Jasbir Puar, and Ana Vujanović, in: TDR, Vol. 56/ 4: Precarity and Performance, 163-177. 

Puig de la Bellacasa, María (2017): Matters of care. Speculative ethics in more than human worlds, Minneapolis : University of Minnesota Press. 

Tronto, Joan (1993): Moral Boundaries. A Political Argument for an Ethic of Care , London: Routledge. 

Virno, Paulo (2005): Grammatik der Multitude. Untersuchungen zu gegenwärtigen Lebensformen, Berlin: ID.

Antonia Rohwetter arbeitet als Dramaturgin, Theaterwissenschaftlerin, Autorin und Kuratorin im Kontext der freien darstellenden Künste. Sie hat Philosophie, Kulturwissenschaften und Gender Studies sowie angewandte Theaterwissenschaften studiert. Anstatt Wissen über die Künste zu produzieren, interessiert sie sich dafür mit künstlerischen Praktiken zu denken und diese selbst als Formen von diskursivem, sensorischem, kritischem und verkörpertem Wissen zu begreifen. Ihre Arbeit ist dabei von materialistischen Analysen queerer, feministischer und dekolonialer Perspektiven informiert.